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Sehr geehrte liebe Freunde, vor etwa vierzehn Jahren haben wir, eine Gruppe aus der Anstaltskirchengemeinde Lobetal, uns Gedanken gemacht, was unsere nächste Aufgabe sein könnte. Etwa zwei Jahre lang waren wir, zusammen mit einer russisch-deutschen Jugendgruppe aus Bad Essen bei Osnabrück, immer wieder in russische Kasernen rund um Bernau und Eberswalde gefahren, um russische Bibeln und andere christliche Literatur zu verteilen und fröhlich die Liebe Gottes zu uns Menschen zu bezeugen. Ende 1993 wussten wir - lange wird das nicht mehr gehen. Mitte 1994 sollten die letzten Truppen der Sowjetarmee unser Land verlassen haben. Was also sollte unsere nächste Aufgabe sein? In dieser Zeit hörten wir gelegentlich von der schwierigen Situation in der Ukraine. Dort hatte sich die Lage für viele Menschen dramatisch verschlechtert. Löhne und Renten wurden oft monatelang nicht gezahlt. Hunger und Not waren die Folgen. Anfang des Jahres 1994 hatten wir die Gelegenheit, einen ersten kleinen Testtransport nach Charkow, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, in ein psychiatrisches Krankenhaus zu schicken. Die Reaktionen darauf haben uns sehr berührt. Die Mitarbeiter, denen kleine Lebensmittelpäckchen galten, haben diese unter den Patienten verteilt, da es denen wesentlich schlechter ging als dem Personal. Als wir das hörten, war es uns ein Fingerzeig Gottes, hier weiter zu machen. Eine Anfrage um Unterstützung an unseren Gemeindekirchenrat wurde positiv beantwortet und Räume zur Verfügung gestellt. Die "Charkowhilfe", wie wir unsere Initiative zunächst nannten, war geboren. Ende Juni 1994 ging die erste größere Menge nach Charkow, als Zuladung zu einem anderen Transport, und Ende des Jahres eine erste ganze Lkw-Ladung. Immer sind wir im Gespräch mit den Empfängern, um zu erfahren, was nötig ist, womit wir wie helfen können. Im Jahre 2000, am 1.März, strahlte das regionale Fernsehen die Sendung "Die Zeit läuft" zu unserer inzwischen "Ukraine-Hilfe" genannten Aktion aus. Seither hat sich unsere Arbeit sehr ausgeweitet. Aus anfänglich zwei bis drei Transporten pro Jahr wurden acht bis zehn. Vor vier Jahren haben wir den Verein "cura hominum e.V. - Sorge für Menschen" gegründet, der natürlich weiter mit unserer Kirchengemeinde und den Hoffnungstaler Anstalten zusammenarbeitet, aber die Arbeit selbstständig verantwortet. Eine lange Geschichte, die ich hier nur anreißen kann! Ist unsere Arbeit, die wir vor so langer Zeit begonnen haben, immer noch nötig? Was bewirken wir mit dieser Arbeit? Schaffen wir Abhängigkeiten? Verhindern wir die Entwicklung der Industrie in der Ukraine? Bremsen wir Eigeninitiative? Das sind einige der Fragen, denen wir uns immer wieder stellen müssen. Helfen wir den Menschen in der Ukraine - oder mehr uns selbst? Diesen Fragen muss nachgegangen werden. Immer wieder. Wir müssen ehrlich damit umgehen. Um antworten zu können, bleiben wir dran - durch Besuche in der Ukraine und durch Briefwechsel mit unseren Partnern. Wir sammeln Informationen über das Land und beobachten, welche Erfahrungen andere Organisationen machen. Ich möchte Ihnen heute von meiner dreiwöchigen Reise durch die Ukraine erzählen und von Ergebnissen der Recherchen danach. Ende Juni habe ich mich mit unserem Kleinbus auf die Fahrt begeben, natürlich nicht ohne ein paar Geschenke im Kofferraum. Ich habe unsere Partner in Mykolajiw bei Lwow, in Poltava und Charkow besucht. In Dnjeprpetrowsk bin ich einen Tag mit einem Pastor der Baptistenkirche unterwegs gewesen und habe kinderreiche, sehr arme Familien und ein Krankenhaus besucht. Dieser Pastor hatte bereits über die Kirche in Poltava Kleiderspenden von uns erhalten. Bei einem Kurzbesuch in Krementschug konnte ich die Kirchengemeinde persönlich kennen lernen, die in den ersten Jahren unserer Arbeit die Zollformalitäten in der Ukraine für unsere Hilfsgüter übernommen hatte. Mir wurden ein Krankenhaus, eine Tagesförderstätte für behinderte Kinder und ein Kinderaufnahmeheim gezeigt, sowie Lager und Büro der Mission "Einheit", die jetzt dort zentral humanitäre Hilfssendungen organisiert, entgegennimmt, die Zollformalitäten erledigt und die Güter verteilt. Einen potentiellen Empfänger habe ich nach einer zweiten Begegnung, noch vor einer ersten Hilfssendung, wieder von unserer Liste gestrichen. Aus verschiedenen Quellen konnte ich entnehmen, dass die betreffende Gegend nahe der polnischen Grenze verhältnismäßig gut mit Unterstützung aus dem Westen versorgt ist. Wir wollen da helfen, wo es am nötigsten ist. Dazu müssen und wollen wir lieber längere Wege in Kauf nehmen, als "Bäume in den Wald zu tragen". Herr Kronhardt, Fahrer der Spedition "Talke Logistics", mit der wir seit gut zwei Jahren erfolgreich zusammenarbeiten, weilte zur Zeit meiner Erkundungsreise zum Urlaub in der Ukraine. Durch seine Vermittlung habe ich ein Kreiskrankenhaus in Petrowe, in der südukrainischen Steppe, kennen gelernt - ein abgelegener Ort. Dorthin kommt keine humanitäre Hilfe. Es ist eine Gegend, aus der die jungen Menschen wegziehen. Die meisten der 26.600 Einwohner sind alt und auf Hilfe und Unterstützung angewiesen. Das Krankenhaus bekommt, wie alle Krankenhäuser in der Ukraine, seit Jahren fast keine Gelder, um die Einrichtung zu pflegen oder gar zu erneuern. Das Engagement der Mitarbeiter ist groß: Die Matratzen schützen sie mit Plastikfolien vor dem Durchnässen, die Betten verwandeln sie mit Baubrettern in halbwegs erträgliche Liegestätten. Aber die Bretter reichen nicht einmal, um aus allen "Hängematten" Betten zu machen! Die Behandlungstische sind verrostet, das OP-Instrumentarium auch. Es gibt weder genug Matratzen, noch Bettwäsche oder Bettdecken. Als ich hier meine Geschenke aus dem Auto holte - ein paar mal Bettwäsche und einige Bettdecken und etwas Spielzeug für die Kinder - war die Freude verständlicherweise groß! Gern wollen wir im Oktober einen Lkw mit Hilfsgütern für diesen Ort zusammenstellen. Insgesamt habe ich in den drei Wochen fünf Krankenhäuser gesehen. Die Lage ist überall ähnlich und Hilfe dringend nötig. Gebraucht wird alles, was zur Pflege und Behandlung kranker Menschen tauglich ist! Es ist vielleicht ein bisschen radikal und überzeichnet, was eine Frau zu mir sagte, die ich kurz vor Krementschug ein Stück des Weges mitgenommen hatte, aber leider schwingt in diesen Worten sehr viel bittere Wahrheit mit: "Krank werden dürfen Sie hier nicht. Da können Sie sich gleich einen Strick nehmen. Ich hatte vorige Woche Zahnschmerzen und musste zum Arzt. Der wollte 50 Grivna für eine Plombe haben. Ich habe mir den Zahn ziehen lassen, das kostet nur 15 Grivna." (50 Grivna entsprechen ca. 9 Euro) Helfen oder nicht? Kann man diese Not mit ansehen und sagen: Sollen sie sich selbst kümmern! - ? Muss man nicht Not lindern, wo es irgend möglich ist? Aus vielen Beobachtungen und Gesprächen stellt sich mir die allgemeine Lage so dar: Vielleicht ist es für einige wenige heute etwas besser geworden. Menschen zwischen 20 und 50 Jahren, wenn sie Arbeit haben, keine Kinder oder alte Angehörige versorgen müssen, können einigermaßen leben. Aber Rentnern, Familien mit kranken Angehörigen oder mehreren Kindern geht es schlecht. Löhne, Renten und Kindergeld steigen kaum, die Preise sehr. Viele haben Angst, dass ihnen Gas und Strom abgeschaltet wird und sie im Winter frieren müssen, wenn sie die Rechnungen nicht bezahlen können. Und wenn sie zahlen, haben sie nicht genug Geld, um sich etwas zum Essen zu kaufen. Die Lage hat sich nicht wirklich verbessert. Die politische Unruhe bringt ein Gefühl der Unsicherheit und Unbeständigkeit mit sich. Wie entwickeln sich das Leben, die Preise, die Situation? Bei unseren Partnern in den verschieden Orten erfahre ich, wie aufmerksam und liebevoll sie die empfangene Hilfe verteilen. Immer wieder halten sie Ausschau nach denen, die diesmal dran sind, die vielleicht noch nie Unterstützung erhalten haben, sie aber dringend gebrauchen können. So wird der Kreis der Empfänger immer größer. Also - auch wenn an eine Adresse drei oder vier Lieferungen in einem Jahr gehen, bekommen nicht immer die gleichen Leute diese Hilfe. So haben unsere Partner in Charkow vor einiger Zeit eine Sendung hauptsächlich an Kirchen auf den Dörfern verteilt, die wiederum in ihrem Ort nicht nur an Mitglieder ihrer Gemeinden, sondern an die Bedürftigen die Hilfsgüter weitergeben. Schaden wir mit unseren Hilfstransporten der ukrainischen Wirtschaft? Bremsen wir die Eigeninitiative? Das glaube ich nicht. Ich höre, dass unsere getragenen Sachen besser sind, als das, was man auf dem Markt neu kaufen kann. Es ist wohl eher so, dass Menschen, die eine Sorge weniger haben, ein bisschen Freiraum haben, nach Lösungen für die Probleme zu suchen und sich dafür einzusetzen. Wir sind immer, mit allen Partnern, im Gespräch darüber, welche Projekte ihnen auf dem Herzen brennen, was sie gern tun und ins Leben rufen möchten. Und überall höre ich den dringenden Wunsch, Werkstätten zu schaffen, Arbeitsplätze, die den Leuten ermöglichen, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Kleine Anfänge, wie eine Schneiderwerkstatt in Poltava, können wir beobachten und unterstützen. Vorbereitungen für weitere Projekte, u.a. für eine Druckerei und eine Tischlerei, beobachte ich in Charkow, Poltava, Mykolajiw und auf der Krim. In einem Krankenhaus in Charkow konnte ich erleben, wie unsere Unterstützung die Mitarbeiter beflügelt! Dort werden alle Zimmer renoviert und in einen guten Zustand versetzt, in die dann die Betten gestellt werden, die wir gebracht haben! Unsere Unterstützung bremst nicht, sie spornt an, ermutigt und bringt voran! In der Kirche in Poltava stehen in verschiedenen Räumen unsere Stühle und Tische, die Küche ist ausgerüstet mit Spenden aus Deutschland. Ich war dabei, als dort ein Kinderferienprogramm eröffnet wurde. Ich habe gesehen und erlebt: unsere Spenden sind in gesegnetem Gebrauch! Und sie werden immer noch benötigt! Immer wieder höre ich: Besonders in kleineren Städten und auf den Dörfern ist der Bedarf groß! Unsere Partner halten die Augen offen und finden die Wege zu diesen Menschen! Ein Ergebnis meiner Internetrecherche nach meiner Reise: Die Ukraine nimmt einen unrühmlichen ersten Platz in Europa ein - in der Verbreitung von HIV-Infektionen und AIDS. Es gibt zu diesem Thema zwei Filme auf DVD von Karsten Hein: "Am Rande" und "So wollen wir nicht sterben." Man kann sie über das Internet bestellen unter www.aids-ukraine.com Ich halte sie für gut gemacht, zurückhaltend in der Beurteilung, aber sehr deutlich in den Bildern. Wenn Sie die Schattenseiten der Ukraine sehen wollen und starke Nerven haben, kann ich diese Filme sehr empfehlen. Für mich waren beide Filme sehr erschütternd, weil ich fast alles in ähnlicher Form im Laufe der Jahre mit eigenen Augen gesehen habe. Hier sind all das Leid und die Not sehr konzentriert und in einer glaubwürdigen Art zusammengestellt. Liebe Freunde, in den nächsten Tagen werden wir wieder einen Hilfstransport auf den Weg schicken können. Es wird der achte Transport dieses Jahres sein. In unserem Lager stehen genügend Spenden bereit - sortiert und verpackt von unseren nimmermüden Mitarbeitern. Etwa zwanzig Leute sind jede Woche dabei, hier in Lobetal Ihre Spenden zu sortieren, zu verpacken und den Zollbestimmungen entsprechend zu erfassen. Kartons müssen beschafft werden, manches Stück, bei dem ein Schaden übersehen wurde, muss noch repariert oder gewaschen werden. Spielzeug wird auf Vollständigkeit überprüft, Puppen werden gegebenenfalls gebadet und neu eingekleidet, Geschirr bruchsicher verpackt, Technik auf Funktion geprüft und oft in speziell angefertigten Kartons verpackt.
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